Die Maria von Pasing: Eine Schutzmantelmadonna ohne verklärten, süßlichen Blick. Sie schaut bestimmt, sie weiß, was sie der Welt zu sagen hat. Eine Frau, die in unsere Zeit passt, die mich als Künstlerin berührt.
Im November 2023 war ich zum ersten Mal in Maria Schutz, um mich mit einer neuen künstlerischen Aufgabe vertraut zu machen. Eine liturgische Neuausstattung mit Altar, Ambo und Sedilien, sowie eine neue räumliche Lösung sollte ich schaffen, die in Maria Schutz eine zeitgemäße Liturgie ermöglicht.
Von mehreren Seiten hörte ich, dass der strenge Blick der Maria in der Apsis die Gemeinde irritiert. Es wäre schön, wenn ein neuer Altar – als neuer Blickfang – den Blick Mariens milder stimmen würde.
Nichts lieber als das! Als Künstlerin will ich ja gerade die Blicke auf meine Objekte lenken.
Und meine Altarentwürfe waren nie zurückhaltend, sondern immer selbstbewusste Setzungen im Raum.
Als Annäherung an die Aufgabe baute ich ein möglichst naturgetreues Modell der Kirche im Maßstab 1:20 und die Maria spielte in meinem Modell eine wichtige Rolle.
Nun ist ja Maria Schutz eine große Kirche, aber das Bildwerk der Schutzmantelmadonna in der Apsis schafft es, den ganzen Raum zu dominieren. Je länger ich auf mein Modell schaute, umso besser gefiel mir diese Frau. Es wurde mir klar, dass sich mein Altarentwurf auf die Maria beziehen würde.
Man muss Marias Blick in ihrer Entstehungszeit sehen. Nach dem Krieg, in den 50er Jahren, von einem Künstler geschaffen, den die Ereignisse des Krieges traumatisiert haben. Vielleicht sollte die Maria durch ihren Blick einen Vorwurf zum Ausdruck bringen:
„Was habt ihr mit meinen Schützlingen gemacht?“
Jedenfalls kann man in unserer Zeit die Pasinger Maria als selbstbewusste Frau deuten, die sich nicht unterkriegen lässt und ausdrückt, dass Sie hier das Sagen hat. Eine tolle Botschaft in einer der größten Pfarrkirchen Münchens.
Nach dieser Erkenntnis wollte ich mit der Form meines Altares ein Bild erzeugen, das mit der Maria im Hintergrund eine Einheit schafft. Der Altar sollte sich inhaltlich und formal auf die Schutzmantelmadonna beziehen.
Meine Idee war, das Manteltextil der Maria über vier Schichten so zu formen, dass das imaginäre Textil sowohl das unterste Auflager als auch die oberste Altarmensa bildet.
Die unterste der vier Schichten wölbt sich ähnlich einer Sinuskurve über drei Bögen. Durch das schweben der äußeren Bögen steht der Altar nur auf zwei Kurven.
Zweite und dritte Altarplatte beruhigen die starke Verwerfung der Ersten, sodass die Vierte und letzte Platte in der Ebene als Mensa mündet. Die wellenartigen Formen der Altarplatten findet man im Strahlenkranz der Maria wieder. Der Altar verjüngt sich nach unten hin leicht, sodass ein bogenartiger Außenumriss entsteht, der den ovalen Außenumriss des Marienbildes nach unten hin weiterführt.
Ich arbeite bei meinen Altarskulpturen oft mit Erklärungen, welche Kräfte imaginär auf den bildhauerischen Körper einwirken und die Form erzeugen. Deshalb ist die Reliquie mittig unter dem Altar im Boden platziert, als ob sie durch ihre Ausstrahlung nach oben hin die untere Aufwölbung des Altares bewirkt hätte. Die zwei Altarkerzen sitzen exakt an den Scheitelpunkten der äußeren Wellen. Es scheint, als ob diese Kerzen die äußeren Wölbungen hervorrufen. Ähnlich einem Textil, das an zwei Schnüren nach oben gezogen wird, was auch erklärt, dass die äußeren Wellen schweben.
Das Bildwerk der Schutzmantelmadonna ist ein Relief. Der äußere Rosenkranz des Bildwerkes ist dreidimensional in weißem Putz ausgeführt. Altar und Ambo aus weißem Kunststein gegossen, nehmen die Ästhetik des Reliefs auf.¬¬
Das Schöne an den künstlerischen Aufgaben in historischen Kirchenräumen ist die Auseinandersetzung mit den Kunstwerken, die dort schon existieren. Wie geht man mit ihnen um? Fügt man sich unmerklich ein, oder setzt man einen bewussten Kontrast?
In Pasing gab es für mich eine andere Herangehensweise: Das Miteinander mit der Maria.
Susanne Wagner